Allgemeine Beobachtungspraxis In der Zeit von März bis September 1997 konnte ich
das Siberia 110 in zahlreichen Nächten ausprobieren, so daß ich
einen Eindruck von der Praxistauglichkeit des Instruments erhielt.
Das
Gesamtgewicht von 21 kg ist sicherlich schon recht hoch, aber man gewöhnt
sich schnell daran, in zwei, drei Gängen alles aufzubauen, Wer über
einen Balkon oder eine Terrasse verfügt, hat den Vorteil, daß er das
komplette Gerät an einer geschützten Ecke mit einem wetterfesten
Überzug stehen lassen kann. Zur Beobachtung wird einfach die
Schutzhülle abgenommen und das lnstrument an den vorgesehenen
Beobachtungsplatz getragen, was gewichtsmäßig keinen Sternfreund vor
ein Problem stellen sollte.
Ansonsten hat es sich bewährt, die
Montierung mit Säule als Einheit aufzubewahren und das Hauptrohr von der
Fernrohrwiege abzunehmen. Dank der aufklappbaren Rohrschellen geht das in
Sekundenschnelle, so daß das Gerät sehr schnell einsatzbereit ist.
Während der sechsmonatigen Testphase lernte ich den Vorteil einer
umfangreichen Grundausstattung sehr zu schätzen. Eigentlich ist von Anfang
an alles vorhanden, was man für die Beobachtungspraxis braucht. Dank der
Dreifach-Barlowlinse stehen dem Sternfreund vier verschiedene
Vergrößerungsmöglichkeiten zur Verfügung, so daß
man, obwohl man nur zwei Okulare einsetzen kann, gut damit zurecht kommt. Auch
hier bewährt sich - wie beim Siberia 80 M - die russische
Fertigungsphilosophie, daß dieses Fernrohr ein abgeschlossenes System
bildet, da schon alles im Grundpreis enthalten ist. Das vermeidet weitere
Zusatzkosten wie bei anderen Angeboten, wo man sich für den Ausbau nach
und nach weiteres, teures Zubehör dazukaufen muß.
Im
mechanischen Bereich muss schon einmal akzeptiert werden, daß nicht alles
so feingängig und leise funktioniert: Der Synchronmotor rattert. wie ein
kleiner Generator, die Handnachführung in Rektaszension geht ein
bißchen rauh und die Feinverstellung in Deklination eiert ein wenig. Aber
für sich genommen sind das alles nur Kleinigkeiten, mit denen zu leben man
schnell lernt.
Wichtiger ist die Genauigkeit der Nachführung bei
laufendem Motor, und daran gab es während der sechsmonatigen Testphase zu
keiner Zeit etwas auszusetzen. Man vermisst ebenfalls eine Nivelliereinrichtung
zur genauen Aufstellung im Gelände, aber man kann sich auch hier
wirkungsvoll helfen, indem man mit Holzkeilen und einer Dosenlibelle nachhilft,
das Fernrohr richtig auszurichten.
Ich habe diesen
Schönheitsfehlern im Laufe der Zeit auch etwas Positives abgewinnen
können, denn dieses Fernrohr hat mich wie kein anderes dazu angeregt,
meine Phantasie zu entwickeln, kleine Schwächen durch eigene Ideen
auszugleichen. Ein Blick auf den Preis des Gerätes lässt zudem
Verständnis aufkommen, daß man für knapp 1100.- DM (!) auch
nicht mehr verlangen kann. Wo bekommt man denn schon für diesen Betrag ein
komplettes, motorbetriebenes Fernrohr? |
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